KLASSIKER DES MODERNEN ABENTEUERROMANS: Arturo Pérez-Reverte

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Im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts waren die Romane von Arturo Pérez-Reverte, die in mehr als vierzig Sprachen übersetzt sind, auch regelmäßig auf den deutschen Bestsellerlisten zu finden. Heute kennt ihn wohl kaum noch jemand; die letzten Bücher wurden vor zwei Jahren übersetzt und erschienen als Insel Taschenbücher fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Kaum zu glauben, wie inner halb eines Jahrzehntes das Niveau der deutschen Buchkäufer degenerierte. Dabei ist es ihm zu verdanken, dass dem Abenteuerroman neues Leben eingehaucht wurde, indem Reverte ihn mit anderen Subgenres wie Conspiracy oder Mystery kreuzte (daneben schreibt er auch klassische historische Degen-Romane und Thriller). Um ihn wieder etwas ins Bewusstsein der Freunde des Abenteuer-Romans zu heben, hier mein Artikel, das innerhalb meiner Portrait-serie für das Berliner TIP-Magazin entstand:

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„Heutzutage kann jeder Feigling von weitem töten, indem er nur auf einen Knopf drückt.“

Nein, die Rede ist nicht von Afghanistan, wo tapfere Bushkrieger mit Hightech im Kampf gegen das Böse Knöpfe drückten. „Stahl symbolisiert für mich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf den Degenkämpfer spritzte das Blut, das er vergoss“, sagt Spaniens erfolgreichster Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte, der sich auf internationalen Schlachtfeldern mit Bitterkeit vollgesogen hat. Von 1973 (Jom Kipur) bis 1994 (Sarajewo) berichtete er über fast jedes zeitgeschichtliche Gemetzel. Wenn irgendwo im großen Stil gemordet wurde, erschien sein trauriges Gesicht auf dem Bildschirm des spanischen Staatsfernsehens. Er musste mitansehen, wie die Amerikaner Konflikte am Köcheln hielten (Strategie der Spannung) und hasst Drecksläden wie McDonalds.

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Irgendwann konnte er nicht mehr. Heckenschützen, die in Sarajewo Kinder abballerten, gaben ihm den Rest. „Wenn ich vorher wusste, dass der Mensch ein Hurensohn ist, so bekam ich in Sarejewo Gewißheit.“ Seitdem schreibt er Romane, liest kaum noch Zeitung, will mit der Welt nichts mehr zu tun haben. „Ich bin draußen, ich bin aus allem raus.“

Fast jeder seiner Bestseller ist eine Mischung aus historischem Abenteuerroman und modernem Thriller. Literarische oder kulturelle Exkurse  durchbrechen (und bereichern) die Handlung. Oft witzig und meistens klug: „Auch die Musik hat einen gesellschaftlichen Wert. Sie schafft Gleichheit der Gefühle“, sagt ein Charakter im FECHTMEISTER der „die Meinung vertrat, die wichtigsten Beiträge zur Menschheitsgeschichte sind der Buchdruck und die Guillotine“. Er ist „postmodern“ in der Tradition Umberto Ecos, allerdings mit einer gehörigen Portion Düsternis.

09789364z1Sein  Roman DIE SEEKARKTE, in der er wieder mal literarischen Idolen huldigt, ist seine Liebeserklärung an das Meer, die Seefahrt und Joseph Conrad und Illustration des Satzes von W.H.Auden: „Der Matrose symbolisiert den unschuldigen Gott vom Meer, für den die Gesetze des Landes nicht gelten und der deshalb alles tun kann, ohne schuldig zu werden“. Lord Jim trifft den Malteser Falken. Neben den literarischen Welten ist die See sein Fluchtpunkt. Mindestens ein Drittel des Jahres kreuzt der Einhandsegler auf seiner selbstentworfenen 13m langen Segelyacht „Corso“ im Mittelmeer. Vollgestopft mit moderner Technik und einer Bibliothek. Frau und Kind lässt er zurück in seiner Madrider Wohnung, in der er seine Romane schreibt. Diese zynischen, aber doch voller Liebe zur europäischen Kultur getragenen Romane zu schreiben, sind Therapie. Sonst würde er an der Welt zu Grunde gehen. „Ich schreibe immer das gleiche Buch: Es handelt von einem Menschen, der die Welt nicht mag, die er vorfindet. Das bin ich.“ Zyniker sind enttäuschte Romantiker, und nur der Romantiker konnte dem Abenteuerroman auf ganz eigene Weise neu beleben.

Geboren wurde er 1951 in Cartagena. „Ich wurde für eine Welt erzogen, die es nicht mehr gibt. Ich hatte als Kind Fechtunterricht. Ich war ein leidenschaftlicher Leser, der reisen wollte. Also wurde ich Journalist, dann Kriegsberichterstatter. Zwanzig Jahre konnte ich mitansehen, das der Krieg die schlimmste Manifestation der menschlichen Existenz darstellt.“

Erst mit 34 begann er Romane zu schreiben. 9507091Mit EL HUSAR hauchte er dem Mantel & Degen-Genre neues Leben ein. Mit dem nächsten, DER FECHTMEISTER, wurde er zum Bestsellerautor. „DER FECHTMEISTER ist die Geschichte des letzten Ehrenmannes. Wie heute war damals im Spanien des 19.Jahrhunderts alles und jeder käuflich.“ Die Geschichte des letzten Ehrenmannes in einer ehrlosen Welt. „Mit dem letzten Fechtmeister werden auch alle vornehmen und edlen Grundsätze sterben. Dann wird es nur noch Hinterhalt und Überfall geben.“

Neben historischen Stoffen schrieb er sich auch die Schrecken der Gegenwart von der Seele. Etwa mit TERRITORIO COMANCHE, das im eingeschlossenen Sarajewo spielt. Aber es sind die düsteren romantic novels, die seinen Welterfolg ausmachen: Millionen seiner Bücher wurden in Frankreich Spanien, Südamerika, Deutschland und den USA verkauft.

Meist sind es geheimnisvolle Botschaften, versteckt in Bildern, Karten oder Büchern, die die Handlung in Bewegung bringen. In seinem bisher besten Buch, JAGD AUF MATUTIN, hackt sich jemand direkt in den Computer des Papstes, um einen Hilferuf abzusetzen. Ein spannender Thriller und eine unversöhnliche Studie über klerikale Macht, die eindeutig vom Weg des Herrn abgekommen ist: „Der Heilige Vater ist unfehlbar, selbst wenn er sich irrt. Die Inquisition wieder ins Leben zu rufen, war die beste Methode, um den Dissidenten das Maul zu stopfen. Wer spricht heute noch von Küng, von Castillo, Schillebeeck oder Boffi? Auseinandersetzungen werden im Schiff Petri seit jeher damit gelöst, dass man Andersdenkende zum Schweigen bringt oder über Bord wirft.“51przb88wcl-_sx334_bo1204203200_1 Im CLUB DUMAS geht es nicht nur um eine aberwitzige Jagd nach einem satanischen Buch, sondern auch um eine Liebeserklärung an Alexandre Dumas und den französischen Feuilletonroman. Fast im Alleingang setzt Perez-Reverte in seinen Büchern der europäischen Populärkultur Denkmäler, die sich sogar in den USA Bestsellerstatus ertrotzen.

Dabei lässt ihn der bourgeoise Kulturkanon kalt, und er stellt Agatha Christies ALBI neben Joyce’s ULYSSES. „Der Roman ist nicht tot, trotz der Bemühungen des kulturellen Establishments, ihn umzubringen. Es ist durchaus möglich, sophisticated Bestseller zu schreiben. Die grösste Sünde eines Autors ist zu langweilen. Realität in Romanen zu verpacken, ist wie das Fälschen von Banknoten: Man muss sie genau kennen und sein Handwerk können.“ Inspiriert nutzt er Versatzstücke der Popkultur, ohne in den Manierismus Umberto Ecos zu verfallen. Reverte hat seine Helden gerne stark und seine Frauen gefährlich. Aber es sind keine Stereotypen, und sie laden nicht zur Identifikation ein. Trotzdem folgt ihnen der Leser willig und nach wenigen Seiten geradezu gierig durch die komplexen Geschichten.

Er lässt sich Zeit zu erzählen. „Es zählt allein das magische Leseerlebnis, die Erschaffung einer Welt.“

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DAS COLONEL PYAT-QUARTETT von MICHAEL MOORCOCK

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Wie Lügen zur Wahrheit führen können, erzählt Michael Moorcock in seiner Pyat-Tetralogie, die eine einzigartige Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts projiziert.

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Die Tetralogie gehört zu Moorcocks Meisterwerken! Und das bei einem Autor, der nicht gerade wenige Meisterwerke geschrieben und Fantasy und SF revolutioniert hat. Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehört auch die Antizipation des Steampunk mit seiner Oswald Bastable-Trilogie. Mit den Jerry Cornelius-Romanen erforschte er die Drogen getränkten Gehirnströme der Swinging Sixties, und seine Sword & Sorcery verband  die Wucht von Robert E. Howard mit der Sensibilität von J.G. Ballard.

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„All my early Elrics are like fantasies by Camus.“

 

Moorcock war als Herausgeber von NEW WORLDS für den kometenhaften Aufstieg der New Wave  verantwortlich, in der William und nicht mehr Edgar Rice Burroughs die Koordinaten bestimmte. Stichwort: inner space. Oder, wie es Brian Aldiss ausdrückte: „Moorcocks Energie und Ballards Vorstellungskraft sogen ein neues Publikum für die SF an.“

In den 1960er Jahren wurde er zum popkulturellen Regenmacher:

„Without Moorcock neither today’s SF nor today’s fantasy nor today’s comic-book scenes would look anything like they do; and nor, arguably, would either Dungeons & Dragons, World of Warcraft or This Is Spinal Tap have been possible.“, stellte die FINANCIAL TIMES fest.

Zu Moorcock siehe auch:

https://martincompart.wordpress.com/2010/11/04/die-crux-mit-dem-hauptwerk-grundsatzliches-uber-michael-moorcock-3-von-alexander-martin-pfleger/

Seine enge Verbindung zur Pop-Musik schlug sich in der Zusammenarbeit mit Bands nieder, allen voran HAWKWIND.

Colonel Pyat ist ein interessanter Bursche: 1900 geboren und 1977 gestorben, nahm er bis in die 1940er Jahre (laut seiner vierbändigen autobiographischen Darstellung) an so manchen Ereignissen teil, die diese Epoche prägten: vom Russischen Bürgerkrieg bis Auschwitz führte ihn sein Weg durch die Zeit und drei Kontinente. Seine persönlichen Aufzeichnungen wurden von Michael Moorcock zwischen 1979 (er fand erst 1981 einen Verlag, der den ersten Band druckte) bis 2006 in vier voluminösen Bänden herausgegeben.

byzantium-endures-the-first-volume-of-the-colonel-pyat-quartet[1]   Die autobiographischen Aufzeichnungen legen Pyats Charakter frei. Unbefangen  – von Moorcock nur bei zu starken Entgleisungen abgemildert – teilt der Narziss alle Vorurteile und ideologische Verirrungen, die das Jahrhundert zum bisher blutigsten und geschmacklosesten in der Menschheitsgeschichte machten. Ohne Selbstzweifel trampelt der kokssüchtige Wissenschaftler durch jedes Dilemma, an denen natürlich immer die anderen Schuld sind, ohne zu erkennen, dass es genau Typen wie er waren, die aus dieser Zeit ein Schlachthaus machten.

Die Koksnase Pyat ist als Antisemit, ehemaliger KuKluxKlan-Angehöriger, seiner Neigung zu sehr jungen Mädchen und Buben und Verehrer der SS alles andere, als ein Sympathieträger. Er identifiziert  Schwarze, Tartaren, Papisten, Juden, Muslime, Katholiken und Sozialisten als Träger der großen Verschwörung Karthagos gegen das christliche Russland, die Monarchie und den Faschismus, die als einzige den menschlichen Fortschritt und die Eroberung des Kosmos garantieren!detail_549_978-1-60486-494-6[1]

Die Tetralogie wurde gelegentlich mit den FLASHMAN-Romanen von George MacDonald Fraser verglichen. Die augenscheinliche Überschneidung ist, dass es sich bei beiden Werken um Memoiren von Zeitzeugen handelt, die immer wieder in historische Prozesse verwickelt werden. Aber der unsympathische Pyat ist – im Gegensatz zu Flashman –  kein verlässlicher Erzähler, da er sich die Realität gerne zurecht biegt. Der Reiz bei diesem Ich-Erzähler liegt darin, dass er häufig die richtigen historischen Fakten präsentiert, aber aus ihnen die falschen Schlüsse zieht. Flashman ist ein extrem zuverlässiger Erzähler, der seine charakterlichen Defizite vor dem Leser ausbreitet und schonungslos mit sich selbst umgeht. Dagegen zeigt der Narziss Pyat psychopathische Züge.

Byzanz-ist-uberall---Ein-exotischer-Schelmenroman-um-die-Russische-Revolution--Roman--B003IP6K9E_xxl[1]Wie umstritten dieses Werk ist, erkennt man auch daran, das Moorcocks amerikanischer Verlag Random House sich geweigert hat, den dritten und vierten Band zu veröffentlichen (die Amerikaner kommen erst heute durch einen anderen Verlag in den Genuss der gesamten Tetralogie – was dem deutsch lesenden Publikum nach wie vor verwehrt bleibt). Zwischen dem 2. und dem 3.Band machte Moorcock eine achtjährige Pause. Er begründete dies mit der aufwendigen Recherche für jedes Buch und die Schwierigkeit, in den Sprachduktus von Pyat zurück zu finden.mother-london-moorcock-sorel[1]

Leider ist bei uns nur der erste Band des Quartetts erschienen: Bastei-Lübbe veröffentlichte ihn 1984 unter dem Titel BYZANZ IST ÜBERALL in seiner damaligen Paperback-Reihe in einer vorzüglichen Übersetzung von Michael Kubiak und mit einem gruseligen Satzspiegel (ohne den die Reihe, in der Stephen King am deutschen Markt durchgesetzt wurde, sicherlich Kult-Status hätte). So viele Moorcock-Fans, die auch härtere Kost vertragen, scheint es bei uns nicht zu geben. Obwohl Bastei-Lübbe damals den Jerry Cornelius-Zyklus vollständig veröffentlichte, wagte man sich nicht mehr an die anderen Colonel Pyat-Bände heran. Vielleicht schreckte man auch vor der Problematik des Sujets zurück… Überhaupt ist es eine Schande, dass es keinen Verlag gibt, der eine Gesamtausgabe dieses Autors macht, der zu den 100 einflussreichsten Schriftstellern der letzten hundert Jahre gehört. Nicht mal sein großer Roman MOTHER LONDON, der mit allem mithält, was Iain Sinclair oder Peter Ackroyd (die ihm viel zu verdanken haben) geschrieben haben.

Abenteuerliches gibt es genügend in dem Werk, das mit Pyats Kindheit und Jugend in Kiew, St.Petersburg und Odessa beginnt (wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Moorcock habe Zeit und Ort mit eigenen Augen gesehen, so eindrucksvoll sind seine Schilderungen; er nannte Babels Benya Krik-Stories als wichtigen Einfluss). Natürlich gerät er in die brutalen Wirren des Bürgerkriegs (aber auch als genialer Erfinder von kurz funktionierende Flugmaschinen und einer Laserkanonen, kann er dessen Verlauf nicht ändern). Er flieht in die Türkei nach Konstantinopel (wo er sich eine 13jährige Roma kauft). Dann geht es nach Rom, wo er sich von den Faschisten bewundern lässt, und weiter nach Paris, Seine großen Pläne werden seiner Meinung nach von der Karthago-Verschwörung sabotiert und ab geht es in die USA, wo er beim KuKluxKlan und schließlich in Hollywood landet. Dort arbeitet er zuerst als Techniker und Set-Designer, bevor er zum Star in Western-Serials aufsteigt. Er befreundet sich mit Sam Goldwyn und entschließt sich, einen grandiosen Epos in Ägypten zu drehen. Natürlich geht alles schief, und es folgt eine irre Odyssee durch die übelsten Harems, regelrechte Vergewaltigungskerker, und Unterwelten Nordafrikas. In Cairo trifft er (natürlich) auch den nubischen Transvestiten Ibrahim al-Gharbi (hier al-Habashiya geheissen), der damals in der Region den Handel mit Sex-Sklaven beherrschte. Die Szenen von Pyats Versklavung in al-Habashiyas bisexuellem Harem hätten von de Sade stammen können. Nachdem er der afrikanischen Hölle entkommen ist, geht er zurück nach Italien und macht seinen Weg in den inneren Zirkel von Mussolini, dem er verspricht, Land-Leviathane (eine immer wiederkehrende Topos von Moorcock) zu bauen. Aber auch hier lauert überall Intrige und Gefahr. Dank eines Geheimauftrages von Mussolini kann er das faschistische Italien verlassen. Die Geheimmission führt ihn nach München zu den Nazis und in die Arme von SA-Chef Ernst Röhm. Die Verstrickung in den „mysteriösen Todesfall“ von Hitlers Nichte Geli Raubal, bringt Pyat dann auch nach Dachau. Um Hitler nach dem Tod seiner Nichte wieder sexuell auf Trab zu bringen, brachte Röhm ihn dazu, sich als Nutte zu verkleiden und den Führer zu verführen. Brave Bürgererotik wird man bei Moorcock vergeblich suchen.

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Wie man sieht: Die vier Bände sind ein pikaresker Roman, der oft starker Tobak ist, aber immer faszinierend das Zeitkolorit für unglaubliche Abenteuer und Interpretationen aufsaugt (‚the Holocaust . . . was not my fault . . . any more than it was Adolf Hitler’s]‘. Die begleitenden Nebenfiguren (auch Mrs.Cornelius taucht immer wieder auf) unterfüttern die monströse Figur des Erzählers. Pyat gelingt es in den besten Momenten, die volle Idiotie dieser Ära vorzuführen, die uns bei der Lektüre von historischen Werken so nie bewusst wird. Wenn in Zeiten der Wirrnis Geschichte zum Wegweiser wird, dann sei vor diesen Pfaden gewarnt.

Michael Moorcock: “ …and Pyat, of course, is about man’s inhumanity to man, to put it the broadest it will go. It’s actually about the Nazi holocaust. It was hard enough bearing the burden of death and suffering in the past, in which I forced myself to see every individual in every concentration camp picture, no matter how dehumanized they had become. “

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Byzantium Endures [1981]

The Laughter of Carthage [1984]

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Jerusalem Commands [1992]

The Vengeance of Rome [2006])

 

 

 

 

 

 

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BOB MORANE – DER LETZTE ABENTEURER

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Wir haben NICHTS, was auch nur annähernd an den francobelgischen Pop-Mythos Bob Morane heran reicht. Wie armselig ist doch der larmoyante Karl May mit seinen ebenso langweiligen wie dicken Büchern im Vergleich zu den kurzen Pulps von Henri Vernes, die man auf einem Sitz runterziehen kann.
Meine Erste Begegnung mit diesem unvergesslichen Helden der Kindheit hatte ich Mitte der 1960er Jahre, als das WDR-Werbefernsehen in seinem Intermezzo-Programm die Fernsehserie mit Claude Titre und Billy Kearns ausstrahlte.
Garantierte Bubenspannung bis an den Rand des Herzinfarkts! Einmal in der Woche konnte man 25 Minuten lang die Geheimnisse und Mysterien der unbekanntesten Flecken auf diesem Planeten kennen lernen. Zusammen mit Bob, der meistens in die wüstesten Abenteuer geriet, weil er zufällig in eine junge Dame rannte, die tief in der Patsche steckte. Durch die Beweisführung meines holländischen Brieffreundes, den ich besuchte und durch den ich damals schon seltene Paradiese wie Comic-Läden kennen lernte, wurde mir klar, dass ich mit der TV-Serie nur den Bruchteil eines ganzen Universums entdeckt hatte. Da stand ich auf einmal in einer großen Maastrichter Buchhandlung vor einem endlosen Regal mit Bob Morane-Romanen und darunter waren auch noch Kästen mit Bob-Morane-Comic-Alben. Außerdem war in einer Illustrierten seiner Mutter jede Woche eine Seite Fortsetzungscomic. Einmal mehr wurde mir unser unzureichendes Schulsystem deutlich, in dem Flämisch nicht gelehrt wurde. Aber selbst ist der Mann und Robbedoes, Buck Danny, Jerry Spring, Jan Kordaat, Kuifje und Pep motivierten mich zum freiwilligen Sprachstudium.

Und dann geschah ein Wunder!

1965 brachte der Ensslin-Verlag Henri Vernes Romane als kleine Hardcover auf Deutsch heraus! Zwei Jahre lang veröffentlichte Ensslin in jedem Frühjahr drei Romane, im Herbst sechs!.Immer aufeinmal. Jeden Band für satte 3,95 DM! Das stellte die Taschengeldlogistik vor ziemliche Probleme, da ich selbstverständlich die drei oder sechs Titel SOFORT UMGEHEND KOMPLETT AM ERSTVERKAUFSTAG haben musste. Buchhandlung Lehmkuhl ließ ich nicht mal Zeit, die Bücher ins Fenster zu räumen. In den Sommerferien in Como sparte ich mein tägliches Eisgeld. Da kam was zusammen und direkt nach der Rückkehr (wir kamen tief in der Nacht mit dem Auto aus dem Urlaub) zählte ich das Geld auf den Pfennig genau ab und verfluchte die Umsatzfeindlichen Ladenöffnungszeiten der alten Bundesrepublik.
Nach 19 Titeln stellte Ensslin die Veröffentlichung ein. Wahrscheinlich konnten sie von mir nicht leben. Eine der grausamsten Entscheidung in der Geschichte der deutschen Buchkultur. Ein Schaden, der bis heute nicht kompensiert werden konnte. Antiquarisch findet man sie zum Glück noch für moderate Preise:
Die 19 Romane im Ensslin & Laiblin Verlag, Reutlingen, erschienen in jeweiliger Erstauflage von 15000 Exemplaren.

1 1965 Der Schwarze Pfeil / Le démon solitaire
2 1965 Der Schmuck des Maharadschas / Les joyaux du maharajah
3 1965 Im Tal der Brontosaurier / La vallée des
brontosaures
4 1965 Im Zeichen des goldenen Drachen / Le club des longs couteaux
5 1965 Der Tempel der Krokodile / Le temple des crocodiles
6 1965 Der Piratenschatz / L’héritage du flibustier
7 1965 Das Testament des Grafen Alfieri / Echec à la Main Noire
8 1965 Die Göttin mit den grünen Augen / Le tigre des lagunes
9 1965 Der Wüstenprinz / La cité des sables

10 1966 Die indische Drossel / La voix du mainate
11 1966 Der Berg der Götter / Les semeurs de foudre

12 1966 Orly, 12Uhr 30 / Mission à Orly
13 1966 Das Höllenfahrzeug / Le camion infernal
14 1966 Die Blüte des Schlafs / La fleur du sommeil
15 1966 Der Drache der Grafen Fenstone / Le dragon des Fenstone
16 1966 Die Perlenkette / La rivière de perles
17 1967 Die versunkene Galeere / La galère engloutie
18 1967 Die Haifischlagune / Le lagon aux requins
19 1967 Der Teufel von Labrador / Le diable du Labrador

Und wie fing alles an?

1953 startete der in Ath geborene Autor und Weltenbummler Charles Dewisme unter dem Pseudonym Henri Vernes für den belgischen Verlag Marabout die Romanserie um den Journalisten und Weltenbummler. Morane ist eine Abenteurerfigur klassischen Zuschnitts, wie sie heute nicht mehr glaubwürdig wäre. Unbeschwert tobt er durch die Welt, immer auf der Suche nach Abenteuern und um in Bedrängnis geratenen Menschen zu helfen. Als typisches Kind der 5oer Jahre ist er außerstande, die 3.Welt als etwas anderes als einen Abenteuerspielplatz zu sehen oder politische Implikationen des endenden Kolonialismus wahrzunehmen. Mit kurzen Haaren und einem gequält humorvollen Freund – ein irischer Alkoholiker – steht er anfangs immer auf Seiten der Reaktion. Später griff Vernes vor allen Dingen Themen wie Umweltschutz engagiert auf. Besonders die Vernichtung des Regenwaldes und Wilderei treiben ihn und Bob zur Weißglut. Dem Bewußtseinsstand von Vernes widerspiegelnd, veränderten sich Moranes Ansichten und Positionen, aber natürlich nicht sein fanatischer Sinn für Gerechtigkeit.
Die Romanserie wurde sofort ein gigantischer Erfolg in der Franco-belgischen Welt: bisher wurden die über 200 Romane in 14 Sprachen übersetzt mit einer Verbreitung von 3o Millionen Exemplaren. Wie sehr der Mythos in der francobelgischen Pop-Kultur verwurzelt ist, zeigt sich auch darin, dass ihm 1982 die französische Punkband Indochine einen Song gewidmet hat.

1959 begann eine ebenso erfolgreiche Vermarktung des „letzten Abenteurers“ im Comic; bis heute wurde die ebenso erfolgreiche Comicversion u.a. von folgenden Zeichnern gestaltet: Dino Attanasio, Gerald Forton, William Vance und Felicisimo Coria.
Der Erfolg der Romane veranlasste den französischen.Sender „Europe 1“ Anfang der 6oer Jahre zu einer TV-Serie, die auf den kurzen Romanen basierte. Mit Claude Titre fand man einen Schauspieler, der dem Äußeren von Vernes Helden entsprach und auch großen Spaß an physischer Aktion hatte. Die für damalige Verhältnisse recht aufwendig gestaltete Serie (obwohl man nicht viel Geld hatte und das auch heute wahr nimmt) wurde an exotischen Schauplätzen gedreht und ist ein Klassiker der französischen TV-Serien. Der naive Charme der frühen 60er Jahre mit allen bedenklichen politischen Tendenzen macht heute noch einen Teil ihres Reizes aus. Auch ein paar deutsche Schauspieler waren in einigen Folgen zu sehen: Helga Kruck Reinhard Kolldehoff und Katrin Schaake. Auf Amazon.fr bekommt man mit etwas Glück die beiden DVD-Boxen mit allen 26 Folgen! Im Grunde wären Wiederholungen plus einem Themenabend (im belgischen Fernsehen sah ich vor ein paar Jahren eine tolle zweistündige Show zur Würdigung von Vernes und seiner Schöpfung) ein tolles Projekt für den Sender Arte.
Übrigens hatte es bereits 1960 einen Morane-Kinofilm gegeben: DER SPION MIT DEN 100 Gesichtern mit Jacques Santi als Morane. Einer der großen verlorenen Filme, denn er wurde nur einmal gezeigt: am 8.Januar 1961 im Scala Kino in Brüssel. Ein Brand in der Produktionsgesellschaft Belgavidéo vernichtete die – man glaubt es kaum – EINZIGE Kopie des Films. Seit 2001 tauchren immer wieder Meldungen über einen großen 30Millionen teuren Morane-Film auf, der von Christoph Gans (Pakt der Wölfe) in Burma gedreht werden sollte. Inzwischen ist wohl sicher, dass auch dieses Morane-Filmprojekt nicht zustande kommt.
1988 gewann eine kanadische Zeichentrickserie, die auch bei uns auf RTL zu sehen war, eine neue Generation für Morane, was sich hoffentlich auch auf den Absatz der Comic-Ausgabe auswirkt.

Henri Vernes

 

http://www.bobmorane.fr/bof.htm

http://www.coolfrenchcomics.com/bobmorane.htm

 

Neuauflage des deutschen Standardwerks zur Geschichte des Söldnertums

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Wer sich für Militärgeschichte interessiert, kommt nicht um Frank Westenfelders Blog KRIEGSREISENDE herum ( http://www.kriegsreisende.de/  ).Vor ein paar Jahren legte er ein Buch über die Geschichte der Söldner vor, das auch im internationalen Maßstab zum besten gehört, was zum Thema geschrieben wurde. Jetzt gibt es endlich eine Neuauflage.soldner-buch2[1]

Dazu Frank Westenfelder:

„Nachdem das Buch „Eine kleine Geschichte der Söldner: Historische Gestalten auf dem Weg in die Moderne“ (2011) seit knapp 2 Jahren nicht mehr erhältlich ist, habe ich mich endlich aufgerafft eine neue Ausgabe zu erstellen. Diese ist gerade unter dem Titel Kriegsreisende: eine Geschichte der Söldner (2016) erschienen. Der Inhalt blieb dabei unverändert, es wurden lediglich Korrekturen vorgenommen und Cover und Layout geändert.

Durch die Neuausgabe wurde es auch möglich, das Buch zu dem günstigen Preis von 12,- Euro anzubieten; das ebook sogar für 6,99 Euro.

In dem Buch geht es in erster Linie darum, die archetypische Gestalt des Söldners als Werkzeug und Produkt des Modernisierungsprozesses zu begreifen. Da die Verwendung von Söldnern von der ökonomischen Situation einer Gesellschaft abhängt, eignen sich Söldner bestens dazu, die Entwicklung der Gesellschaft vor diesem Hintergrund zu beschreiben. Man kann eine solche, meiner Meinung nach grundlegende Fragestellung jedoch nur angehen, wenn man sich nicht von den „üblichen Verdächtigen“ blenden lässt, sondern versucht die ganze Geschichte im Blick zu behalten.

„Der Söldner“ bietet aufgrund der zahlreichen Vorurteile, Implikation und Mythen, die sich um seine Gestalt ranken, eine großartige Projektionsfläche. Kein Wunder, dass sich viele Autoren den historischen Begriff des Söldners zunutze machen. Doch wer kommt schon auf die Idee, dass sich mit diesem Begriff ohne weiteres auch Blauhelmsoldaten bezeichnet lassen, die von ihren Regierungen an die UNO vermietet werden, wie weiland die „Mietregimenter“ der ärmeren Staaten im Absolutismus? Denn leider gibt es bisher wenig Lektüre zur Geschichte der Söldner selbst. Es gibt zwar hervorragende Detailstudien von Historikern zu den verschiedensten Fragestellungen und Epochen, diese wenden sich aber nur an ein kleines Fachpublikum, oder verzichten auf größere Zusammenhänge. Sei es im Roman oder in den Nachrichten, der Söldner wird dem Leser meistens als eine Art finstere Gestalt präsentiert, die „schon immer“ verräterisch, geldgierig und mordlustig war. Ich hoffe, ich kann mit meinem Buch dieser Betrachtungsweise weitere Dimensionen hinzufügen.“

Eine hervorragende Rezension:


SZ-Redakteurin Franziska Augstein rezensiert dort „Wohlstand und Armut der Nationen“ und „Eine kleine Geschichte der Söldner“.

das Buch bei  Amazon bestellen

https://www.amazon.de/Kriegsreisende-Geschichte-S%C3%B6ldner-Frank-Westenfelder/dp/3740713615/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1468922167&sr=1-1&keywords=westenfelder

Hier ein kommentiertes Inhaltsverzeichnis:

I. Die Unpatrioten

II. Ein Beruf wird neu entdeckt – (ca. 1000-1300)
Schwertkönige (die Normannen in Italien)
Die Männer des Cid (Christen im Dienst der Moslems)
Gegen den Adel (die normannischen Könige in England)
Das Fußvolk (die große Katalanische Kompanie)
Wes Brot ich ess… (das Gefolge im Haushalt)

III. Der Aufstieg – (ca. 1300-1480)
Der Feind Gottes (Werner von Urslingen)
Condottieri (Italien im 14.Jahrhundert)
Der Hundertjährige Krieg (Frankreich)
Der Bascot (Biografie eines Söldners)
Der Herbst des Mittelalters

IV. Das goldene Zeitalter – (ca. 1480-1650)
Den Schrecken in den Feinden mehren (Landsknechte u. Schweizer)
Arme Schiebochsen (das Fußvolk)
Die weite Welt (die Entdecker)
Die Schätze des Orients (Dienst bei der VOC)
Abenteurer und Soldaten

V. Der Abstieg beginnt – (ca. 1650-1815)
Die verkauften Regimenter (Soldatenhandel)
Sklaven für vier Pennys täglich (Surinam)
Glücksritter (Instrukteure in Indien)
Der Anfang vom Ende (die Französische Revolution)
Die Söldlinge Albions (die Königlich Deutsche Legion)
Vom Rauben und Morden

VI. Ausverkauf – (ca. 1815-1914)
Libertad (Bolivars Legionäre)
Träumer, Revolutionäre…Legionäre (Philhellenen u.a.)
Des Weißen Mannes Bürde (Fremdenlegion)
Kriegstourismus

VII. Das Ende vom Lied? – (ca. 1918-1990)
Armeen im Exil (die Weißrussen im Exil)
Spanien und Marokko
Fall der Weißen Riesen (Kongo u. Biafra)
Spezialisten (Piloten)
Adrenalinjunkies

VIII. Postmoderne (ca. 1990 und danach)
Greencard-Soldaten (Rekrutierung von Immigranten)
Mietregimenter (Söldner im Dienst der UNO)
PMCs (Executive Outcomes u. Blackwater)
Bilder und Mythen (Söldner in den Medien)

MEINE 10 LIEBSTEN WESTERN-ROMANE

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FLASHMAN AND THE REDSKINS von MacDonald Fraser, 1982 (dt. bei Kübler).

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HELL AT THE BREECH von Tom Franklin, 2003 (dt.Heyne).

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IN THE ROGUE BLOOD von James Carlos Blake, 1997 (dt.Liebeskind, Heyne)

Das Boese im Blut von James Carlos Blake

HONDO von Louis L´Ámour, 1953 (dt.Heyne).

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BLOOD MERIDIAN von Cormac McCarthy, 1985 (dt.Rowohlt).

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TRUE GRIT von Charles Portis, 1968.

b5212984[1]

IMCIDENT AT TWENTY-MILE von Trevanian, 1998.

515SP5SBHTL[1]

COMANCHE MOON von Larry McMurtry, 1997.

9780752816487-uk-300[1]

DARK THICKET von Elmer Kelton, 1985 (dt.Heyne)

2749[1]

QUANTRILL´S WAR von Duane Schultz, 1997 (Sachbuch-kein Roman).

9780312169725[1]

FLASHYS WESTERN-SPECIAL: DIE 1950er JAHRE

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3.DIE 50er JAHRE

Die 1950er Jahre waren das erfolgreichste Jahrzehnt in der bisherigen Genre-Geschichte. Trotz des Sterben der Pulp-Magazine, die für den Western zuvor das wichtigste Medium waren. Ähnlich wie im Crime-Genre wurden die Paperback Originals (Taschenbuchoriginalausgaben) zum wichtigsten literarischen Träger. Entscheidender für den Erfolg waren audiovisuelle Formen: Nie entstanden mehr sogenannte Edel-Western und B-Pictures wie in diesem Jahrzehnt.

Atomare Bedrohung, beginnender Antikolonialismus, stellvertretende Guerilla-Kriege der Großmächte schienen die Amerikaner (und Teile der Verbündeten) die Werte des Westerns stärker ins Bewusstsein rücken zu lassen. Es war ja auch das große Jahrzehnt der Geschichtsklitterung im Historien-Film, der immer bombastischere Werke produzierte, Zudem wurde Welt immer komplexer und schwieriger durchschaubar, dass die simplen Lösungsmodelle des Westerns fast eine intellektuelle Erholung darstellten. Nicht von Ungefähr wurden nun Western von Filmkritikern ernst genommen, analysiert und ein erster Kanon entwickelt.

Zum erfolgreichsten Medium wurde ab Mitte der 1950er ausgerechnet das jüngste: das Fernsehen. Nirgendwo war das Genre erfolgreich und reaktionär wie im TV-Familienwestern (in den frühen 1960er Jahren war BONANZA die erfolgreichste und weltweit meist gesehendste TV-Serie).

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Die ersten richtigen Fernsehserien waren Western für Jugendliche. Ab 1946 zeigte ein amerikanischer Sender neu geschnitten die alten Film-Serials um HOPPALONG CASSIDY. Die Filme um den Cowboydarsteller William Boyd waren ein so gigantischer Erfolg, dass der Sender ab 1948 Originalfolgen um diesen Wildwest-Ritter produzieren ließ. Es waren naive, anspruchslose Geschichten, auf deren jeweiligen Höhepunkt Hoppy, wie er liebevoll von seinen Fans genannt wurde, mit seinem Pferd hinter den Bösen herjagte. Aber es waren die ersten „draußen“ produzierten Fernsehfilme. Ansonsten kannte man nur Dramen, wie etwa die Kriminalfälle von Martin Kane (ab 1949), die live im Studio auf der Bühne spielten und übertragen wurden. Wilde Autojagden, wie sie später das Markenzeichen von TV-Krimis werden sollten, konnten da natürlich nicht stattfinden. Hoppy und die endlose Folge anderer Jugendwestern holten dagegen aufwendig die Natur auf den Bildschirm.

Heute äußerst merkwürdig anmutende Serien wie die GENE AUTREY SHOW oder die Abenteuer des singenden Cowboys ROY ROGERS feierten Triumphe. Roy Rogers hatte gar einen Fanklub mit fast zwei Millionen Mitgliedern! Es waren die alten Konzepte und Helden der Serials, die neben den Komikern das Erscheinungsbild der Fernsehserie in diesen Pioniertagen bestimmten.

Die Fernsehsender hatten nur geringe Möglichkeiten, um richtige Serien zu produzieren, da sie über keine Filmstudios mit entsprechender Infrastruktur verfügten. Diese frühen Live-Shows wurden fast ausschließlich am Ort des Senders, in kleinen Studios, in denen sonst die Nachrichten verlesen wurden hergestellt. Also gab es auch kaum Möglichkeiten für unterschiedliche Bühnenbilder. Wenn Detektiv Martin Kane den Schauplatz wechselte, musste während der Werbeunterbrechung blitzschnell die Dekoration umgebaut werden. In dieser Zeit waren vor allem vom Veaudeville kommende Komiker, etwa Milton Berle, die großen Hits der Fernsehunterhaltung. Sie brauchten vor der Kamera nicht mehr technischen Aufwand, als sie es von der Bühne gewohnt waren. Hollywood nahm anfangs das Fernsehen als Konkurrenz nicht ernst. Aber immer mehr Amerikaner gaben die Unsumme von 4oo Dollar aus, um – wie es hieß – ein „Radio mit Bild“ zu erwerben. Und das führte dann dazu, dass Hollywood seinen Bann über das Fernsehen schlug. Schauspieler, die für das neue Medium arbeiteten, konnten sich ein Engagement bei einem der Major Studios abschminken.

MV5BMTI0ODU1MzcwNl5BMl5BanBnXkFtZTcwNjU4MTIyMQ@@._V1_UX182_CR0,0,182,268_AL_[1]Die erste Filmgesellschaft, die den Fernsehbann brach, war Walt Disney Productions. Sie stellte nicht nur die Studios für TV-Produktionen zur Verfügung. Für den Sender ABC produzierte sie ab 1954 die Anthologie-Reihe DISNEYLAND. In dieser Reihe wurde ab Dezember 1954 als Dreiteiler die Geschichte des legendären Waldläufers, Indianerkämpfers und Kongreßabgeordneten DAVY CROCKETT gezeigt. Fess Parker, der in den 6oer Jahren den nicht minder legendären Westmann DANIEL BOONE spielen sollte, war als Davy Crockett der erste Held der Fernsehgeschichte, der am Ende einer Serie ins Gras beißen musste, bei der berühmten Schlacht um Fort Alamo. Diese Mini-Serie löste den ersten TV-Kult und gleichzeitig den größten Fernsehkult der 50er Jahre aus. Kaum ein Junge, der nicht mit Crocketts Waschbärenmütze herumlief. Der Titelsong, „The Ballad of Davy Crockett“, wurde einer der größten Hits des Jahres. Es gab Crockett-Spielzeug, Schlafanzüge, Comics und, und, und. Erstmals erzeugte eine TV-Serie eine echte Merchandising-Industrie, die alle möglichen und unmöglichen Produkte herstellte, die mit dem Namen einer Fernsehpersönlichkeit verbunden wurden und sich deshalb verkauften.

Der Kino-Western boomte in den 5oer Jahren. Aber auf dem Bildschirm sahen die Erwachsenen lediglich Helden wie Roy Rogers, den Lone Ranger oder Hoppalong Cassidy. Damit konnte man natürlich keinen volljährigen Western-Fan vor den Bildschirm locken. 1955 war das Jahr, in dem das Fernsehen den sogenannten „adult western“ entdeckte. Der Boykott der Hollywood-Studios wurde von Warner-Brothers durchbrochen, die ab 1955 Fernsehserien produzierten und bis heute eine der größten TV-Produktionsgesellschaften geblieben sind. So war es möglich, daß in den kalifornischen Studios und in der freien Natur relativ aufwendig Westernserien produziert werden konnten. Die Studios fanden schnell heraus, daß sie mit Fernsehwesternserien den Niedergang der Serials und B-Pictures ausgleichen konnten. Sie benutzten in den einzelnen Serien und Episoden die alten Formeln nochmal und verwendeten außerdem altes Filmmaterial von durchgehenden Rinderherden, Indianerangriffen usw., indem sie es einfach in die einzelnen Folgen hinein schnitten statt teuer neu zu drehen. Während ein durchschnittliches B-Picture zwischen 300.000 Dollar und 600.000 Dollar Produktionskosten verschlang, konnte man eine in fünf Tagen abgedrehte Serienfolge schon für 75.000 Dollar herstellen. Und die Einnahmen von Wiederholungen, syndikatisierten re-runs und Auslandsverkäufen waren reiner Profit.

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Die erste Westernserie, die sich auch an ein Erwachsenenpublikum wandte, war WYATT EARP mit Hugh O’Brian. Aber es war die wenige Wochen später gestartete Serie GUNSMOKE(RAUCHENDE COLTS), die den Boom der adult western auslöste. Am 10.September 1955 um 22.oo Uhr sahen die amerikanischen Zuschauer des Senders CBS John Wayne vor einer Pferdekoppel stehen: Er begrüßte sie zur ersten Folge der neuen Serie über die Abenteuer eines Marshalls von Dodge City. Die Produzenten hatten ursprünglich Wayne für die Rolle von Marshall Dillon haben wollen. Wayne lehnte wegen seiner Filmverpflichtungen ab(wie er später auch die Rolle des Jock Ewing in DALLAS ablehnte), machte die Produzenten aber auf James Arness aufmerksam. GUNSMOKE wurde die langlebigste Westernserie der Fernsehgeschichte. gunsmoke-fc679[1]

In 2o Jahren wurden 156 25-Minutenfolgen in Schwarzweiß und 356 farbige 45-Minutenfolgen produziert. Ursprünglich war- wie so viele frühe Fernsehsendungen- auch RAUCHENDE COLTS eine Radio-Serie gewesen, in der William Conrad, der spätere CANNON, von 1952 an neun Jahre Marshall Dillon sprach. Von 1962 bis 1965 spielte Burt Reynolds in einer ständigen Nebenrolle den halbindianischen Schmied Quint Asper. Der Riesenerfolg von GUNSMOKE zog eine ungeheure Zahl weiterer Westernserien nach sich: CHEYENNE, WAGONMASTER, LARAMIE, MAVERICK, HAVE GUN, WILL TRAVEL, um nur einige zu nennen. Den Höhepunkt erreichte die Westernwelle von 1957 bis 1959: 1957 wurden 28 neue Westernserien gestartet und 1959 sogar 32, und unter den zehn meistgesehendsten Programmen waren 7 Westernserien (GUNSMOKE; WAGON TRAIN; HAVE GUN WILL TRAVEL; THE RIFLEMAN; MAVERICK; TALES OF WELLS FARGO und WYATT EARP). Etwa 120 verschiedene Westernserien wurden zwischen 1948 und 1972 produziert.

Nicht ganz so langlebig wie GUNSMOKE, aber nicht minder erfolgreich war BONANZA. Die Serie lief von 1959 bis 1973 mit

440 Folgen und war die erste ganz in Farbe produzierte Fernsehserie. Sie verband äußerst geschickt den Western mit der Familienserie. Diese erfolgreichste US-Serie der 50er Jahre wurde Anfang der 60er bereits in 59 Länder verkauft und erreichte wöchentlich weltweit 350 Millionen Zuschauer. Und das, obwohl es 1958 nur in 26 Ländern der Erde kommerzielles Fernsehen gab. Offensichtlich gefiel es weltweit, wenn die Cartwrights mit dem Colt in der Faust jede äußere Bedrohung ihrer konservativen Werte beantworteten. Als Botschafter des American Way of Life waren sie ein nicht zu unterschätzender Faktor im Kalten Krieg der Ideologien. Keine andere Serie war ähnlich frauenfeindlich und ritt so penetrant auf Wertmaßstäben wie Familie, Eigentum, Autoritätshörigkeit und der Lüge von der Chancengleichheit herum. Der große Erfolg der US-Western in den 5oer Jahren hatte sicherlich auch mit dem Selbstverständnis der Amerikaner als selbsternannte Weltpolizisten zu tun. Bevor die sich ankündigenden Veränderungen der 6oer Jahre durchbrechen sollten, begegnete ihnen das konservative Amerika auch mit der scharfen Waffe Fernsehserie, in der die als uramerikanisch angesehenen Tugenden verklärt wurden.

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Nach dem großen Westernsterben von 1966 , konnte sich nur noch eine Westernserie in der Gunst des Publikums durchset­zen: HIGH CHAPARRAL, die es immerhin auf vier Jahre Laufzeit und 96 Folgen brachte.

BONANZA-Produzent David Dortort sah, dass im Kino der härte­re Italo-Western der klassischen US-Pferdeoper den Rang ab­lief. Er reagierte darauf, indem er das Konzept der klassi­schen Famili­enwestern, wie BIG VALLEY oder BONANZA, härter machte. So ist Familienoberhaupt John Cannon in HIGH CHAPARRAL ein harter, manchmal ungerechter Mann, der immer wieder in Konflikte mit seinem ihm zu weich erscheinenden Sohn Blue Boy gerät. Die Handlung  spielt in den 7oer Jahren des vorigen Jahrhunderts in Arizona. Im Gegensatz zu den Cartwrights aus BONANZA hat John Cannon, unterstützt von seinem Bruder Buck, seiner mexikani­schen Frau Victoria, deren Bruder Manolito, seinem Sohn und einigen Cowboys, die Wildnis noch nicht be­siegt. Die Cannons müssen ihren gerade erworbenen Besitz noch gegen Angreifer von Aussen, ob Indianer, Banditen oder die wilde Natur, verteidi­gen. Die in der Konzeption angesiedelte Härte setzte sich auch in der filmischen Darstellung um. Auch wenn HIGH CHAPARRAL heute harmlos erscheint, für die Zuschauer der 6oer Jahre war die Serie ungewohnt brutal und löste auch bei der deutschen Erstaustrahlung im ZDF eine Diskussion um Gewalttätigkeit im Fernsehen aus. Selten wurden für eine TV-Westernserie soviele kostspielige Aussenaufnahmen  gemacht. Die restlichen Szenen der von Dortorts Xanadu-Productions für den Sender NBC produ­zierten Folgen wurden in den Paramount-Studios abgedreht. Obwohl die Serie weltweit erfolgreich in über 6o Ländern gezeigt wurde, war sie in den USA nie ein wirklicher Hit: sie kam nie unter die 25 meistgesehenen Fern­sehprogramme und erhielt auch nie einen EMMY-Award. Als sie 1971 eingestellt wurde, war es endgültig vorbei mit dem Fern­sehwestern. Und bis heute ist dieses Genre nicht wirklich erfolgreich wiederbelebt worden. Weder durch DEADWOOD noch durch HELL ON WHEELS. Was sehr schade ist, aber sind andererseits Serien wie JUSTIFIED oder LONGMIRE nicht zeitgemäßere Westerb?

 

DIE LANGLEBIGSTEN WESTERNSERIEN:

 

20 Jahre Laufzeit:

GUNSMOKE/RAUCHENDE COLTS (633 Folgen)

14 Jahre:

BONANZA (440 Eüisoden)

9 Jahre:

THE VIRGINIAN/DIE MÄNNER VON DER SHILOH RANCH (225 Folgen)

8 Jahre:

CHEYENNE (107 Episoden)

THE LONE RANGER (221 Episoden)

rawhide1963series1[1]RAWHIDE/COWBOYS (144 Episoden)

WAGON TRAIN (442 Episoden)

7 Jahre:

THE GENE AUTREY SHOW (105 Episoden)

6 Jahre:

DANIEL BOONE (165 Episoden)

HAVE GUN, WILL TRAVEL (156 Episoden)

LIFE AND LEGEND OF WYATT EARP (266 Episoden)

THE ROY ROGERS SHOW (104 Episoden)

TALES OF WELLS FARGO (201 Episoden)

 

 

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FLASHYS WESTERN-SPECIAL

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Drei Romane von Flashman spielen im Wilden Westen: HELD DER FREIHEIT, FLASHMAN UND DIE ROTHÄUTE und ENGEL DES HERRN. Unter Berücksichtigung der Genre-Maßstäbe gehört ROTHÄUTE für mich zu den zehn besten Western-Romanen, die ich je gelesen habe. Anlass genug, hier mal die Entwicklung des Genres genauer unter die Lupe zu nehmen.

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„Das Land wollten viele, aber
die Indianer waren so egoistisch.
dass sie es für sich allein
behalten wollten.“

John Wayne

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Am Anfang der Westernliteratur steht der romantische historische Roman in der Gestalt von Coopers LEDERSTRUMPF. Hinzu kamen romantische Indianererzählungen und völkerkundliche Romane, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt waren. Nach 1845 begann sich für die Bevölkerung der amerikanischen Ostküste das Bild vom Westen, jetzt als „freier Westen“ verstanden, zu verklären. Das Publikum in den enger werdenden Städten Neuenglands verlangte nach mehr Informationen und Erzählungen über das „freie Land“, nach dem es so viele drängte, um das Glück zu machen. Der Westen war zum Land der Verheißung geworden, und keine Gefahr ließ die Einwanderer davor zurückschrecken, aufzusatteln, wenn der Ruf „Westward ho!“ erklang.

1860 entwickelte der Verleger Erasmus Beadle in New York ein neues Printmedium: die DIME NOVEL, ein direkter Vorläufer unserer Groschenhefte oder Heftromane.

HD_ErasmusBeadle[1] Damit begann die massenhafte Verbreitung des Mythos vom Wilden Westen. Diese auf billigstem Papier gedruckten, schnell runtergeschriebenen Hefte hatten durch die Ausformung der auch heute noch gebräuchlichen Klischees einen weitaus größeren Einfluss auf das Bild vom Wilden Westen, als etwa Tatsachenberichte oder die realistischen Erzählungen von Bret Harte oder Mark Twain.

Das erste Heft dieser Art, es hieß MALESKA OR THE INDIAN WIFE OF THE WHITE HUNTER, hatte eine Auflage von 65.000 Exemplaren. Bereits die Nummer acht dieser ersten von vielen noch folgenden Dime Novel-Reihen wurde mit 500.000 Exemplaren aufgelegt. Die Dime Novels waren auf Anhieb ein Riesenerfolg. Die Autoren wurden nach denselben Prinzipien ausgebeutet, die bis vor einigen Jahren noch im amerikanischen Paperbackoriginalmarkt oder der deutschen Heftromanszene üblich waren. Verlangt wurde schnelles Schreiben, dafür gab es kargen Lohn und keine Beteiligung an Auflagen und Nebenrechten. Um davon leben zu können, mussten die Autoren in Blitzgeschwindigkeit Romane wie am Fließband herstellen.

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Die Dime Novels gehörten als Erbauungslektüre zum Marschgepäck der Soldaten des Sezessionskrieges, und sogar Präsident Lincoln zählte zu ihren Lesern.

Beadle und sein Kompagnon Adams brachten mehrere 1000 Titel in über 3o Reihen heraus. Beadles Verlagsleiter war Orville J. Victor; er führte eine entscheidende Neuerung ein: die vorgefertigte Formel, beziehungsweise das K o n z e p t. Dies bedeutete, dass ein bestimmter Handlungsrahmen für eine Serie entworfen wurde und innerhalb dieses Handlungsrahmens mehrere Autoren arbeiten konnten, ohne das ihr individueller Stil und ihre persönliche Originalität zum Tragen kommen konnten. Ein Konzept, das heute noch für die Groschenheftwestern und für das Medium Romanheft, ob JERRY COTTON oder LASSITER, üblich ist. So wurde es möglich, dass ein Autor wie Prentice Ingraham eine Geschichte von 35.000 Worten in 24 Stunden herunter schreiben konnte. Die vorgegebene Formel oder Standardisierung von Serien- und Reihenkonzepten markiert den Beginn moderner Produktionsmethoden im Unterhaltungsliteraturbereich. Wie im heutigen Trivial-Western wurde nicht mehr Abenteuerliches neu erfunden, sondern ein Schema wieder und wieder reproduziert.

Zunächst standen die Dime Novels in der Tradition Coopers und der romantischen Indianererzählung. Der Held war ein Waldläufer, die Szenerie die unberührte Natur. Die Indianer waren nicht automatisch die Feinde. Man unterschied einmal mehr zwischen vermeintlich guten und vermeintlich bösen Stämmen. Erst als immer mehr Siedler in den Westen vordrangen und sich gegen die ihr Land verteidigenden Indianer mörderisch durchsetzten, begann die Verteufelung des roten Mannes im großen Stil. Diese frühen Helden unterschieden sich von späteren Protagonisten nicht nur durch ihrer Tätigkeit als Trapper. Sie trugen auch verstärkt puritanische Züge, rauchten nicht, tranken nicht und fluchten und spielten nicht. Zwielichtige historische Gestalten wurden „literaturtauglich“ umgebaut, um so bei den Lesern einen stärkeren Realitätsbezug zu signalisieren.

Western-Lexikon--1324-Filme-von-1894-1978-B0040GN0DY_xxl[1]Joe Hembus berichtete in dem Standardwerk zum Kinowestern, WESTERN-LEXIKON(Heyne Verlag), von der berühmtesten Mystifizierung:

„Einer der fleißigsten Mythendichter war der Verleger Erasmus Beadle, der 1860 in New York mit einer Groschenheftserie Dollars scheffelte. Die wöchentlich erscheinenden Dime Novels erreichten oft eine Auflage von einer halben Million…Im Jahre 1869 läßt sich Edward Z.C.Judson, der unter dem Pseudonym Ned Buntline schon seit Jahren ein bekannter Autor von Abenteuer-Romanen ist, von der „New York Weekly“ engagieren. Auf der Suche nach Inspiration und einem Helden reist er im Westen umher. Die Geschichte seiner Entdeckung von William Frederick Cody alias Buffalo Bill verläuft ziemlich genauso, wie Burt Lancaster als Ned Buntline sie in dem satirisch wirkenden, weil streng an den historischen Tatsachen orientierten Robert Altman-Film BUFFALO BILL AND THE INDIANS von 1976, erzählt:
`Im Jahre 1868 gehe ich in den Westen und schaue mich nach einem neuen Helden der Grenze um, über den man schreiben könnte. Ich lese Berichte über die Schlacht von Summit Springs und suche den Helden dieses Konflikts auf, Major Frank North. Aber der Major hat etwas gegen Publicity und will nicht reden. Also wandere ich eines Morgens in seinem Camp herum und sehe dieses magere Kerlchen, wie es unter einem Wagen schnarcht.

Ich ziehe ihn heraus, werfe einen Blick auf ihn und weiß, daß ich einen Star aus ihm machen kann. Ich frage ihn nach seinem Namen, er sagt Cody; ich sage, was treibst du, er sagt, er ist Scout und Büffeljäger. Also mir brennt’s ehrlich, über jemanden zu schreiben, weil ich schon einen Haufen aufregender Geschichten habe, die ich eigentlich Bill Hickock anhängen wollte, aber mit dem bin ich gerade verkracht, also sage ich dem Jungen, von jetzt ab heißt du Buffalo Bill und binnen sechs Monaten wird das ganze verdammte Land von dir hören.‘

Bei seiner ersten Begegnung mit Ned Buntline ist er 23 Jahre alt und ein Scout, Büffeljäger und Plainsman wie viele andere auch. Sein wirkliches Vorleben ist durch die nun einsetzende Legende so gut wie ausgelöscht; vielleicht hat er einige der ihm zugeschriebenen Rekord- und Courageleistungen bei der Büffel- und Indianerjagd wirklich vollbracht, vielleicht auch nicht. Als Buffalo Bill setzt er nun seine Geschichte gleichzeitig in der Historie wie im Showbusiness fort, wobei er das eine stets in das andere verwandelt und umgekehrt. Aus der Show reitet er im Zirkuskostüm auf das Schlachtfeld, und vom Schlachtfeld trabt er wieder in die Arena und inszeniert den Gang der Geschichte, wie er sie soeben mitbestimmt hat.
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Am 23. Dezember 1869 beginnt der Abdruck der ersten Buffalo Bill-Fortsetzungsgeschichte in der „New York Weekly“: Buffalo Bill, the King of the Border Men – The Greatest Romance of the Age! Sie läuft über viele Folgen, wird später in einer Buchausgabe herausgebracht und erlebt als solche immer neue Auflagen: Noch 1928 wird sie für 22 Cents vom Versandhaus Sears & Roebuck angeboten. 1872 wird im New Yorker Bowery Theater das Stück Buffalo Bill, the King of the Bordermen uraufgeführt, in Anwesenheit des Titelhelden. Weitere Bühnenstücke folgen. 1875 trennt sich Buffalo Bill von Buntline und organisiert seine eigene Show. Seine Heldentaten erscheinen jetzt in Beadles Dime Novels, wobei er oft selbst als Autor genannt wird. Im Sommer 1876, nach der Schlacht am Little Big Horn, nimmt er an einer Kampagne gegen die Cheyennes teil und tötet den Häuptlingssohn Yellow Hand; bei dieser Gelegenheit trägt er ein mexikanisches Kostüm aus schwarzem Samt, scharlachrot gefüttert und mit silbernen Knöpfen und Litzen geschmückt.
Im Herbst geht er mit dem Stück The Red Right Hand or: Buffalo Bill’s First Scalp for Custer, das dieses Treffen verherrlicht, auf Tournee. Jedes Jahr kommen neue Groschenhefte, Romane, Bühnenstücke heraus. 1879 gar eine Autobiographie. Aber das Beste kommt erst noch…
Um 1850 kommen die Rodeos als örtliche Cowboy-Wettbewerbe in Mode. Hier erweist sich die Legende als das Medium, das große Taten beflügelt: bald wimmelt der Westen von virtuosen Trickreitern, Stierkämpfern der bloßen Faust, Lassowerfern und Kunstschützen. Buffalo Bill wird der Mann, der erkennt, was man mit diesem Potential anfangen kann: Er verbindet seine theatralischen Darstellungen von Ereignissen aus der Zeitgeschichte des Westens mit typischen Rodeo-Attraktionen zur neuen, volkstümlichen Zirkuskunst der Wild West-Show.
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1883 hat Buffalo Bills Wild West-Show in Omaha Premiere. Was die Show vom Zirkus unterscheidet, ist, daß sie Geschichten erzählt, die Gelegenheit geben, atemberaubende, zirkusmäßige Fertigkeiten vorzuführen. Die erzählten Geschichten werden im Bewußtsein des Publikums zu den Standard-Situationen des Westens. Indianer überfallen eine Siedlung, einen Wagentreck, eine Postkutsche; Buffalo Bill und seine Leute reiten in letzter Minute zur Rettung.
Als Thomas A.Edison 1894 die Filmproduktion startet, sind seine ersten Sujets die prominenten Show-Attraktionen der Zeit. Die prominentesten darunter sind Nummern aus Buffalo Bills Wild West-Show. Später gehen viele Wild West-Show- und Rodeo-Stars wie Tom Mix, Art Acord und Yakima Canutt ganz zum Film und drehen Western; der Westen, in dem diese Filme spielen, ist nichts weiter als die gigantisch erweiterte Arena der Wild West-Shows.“

So begann also eine Legende, die bis heute fortwirkt, in Romanen und Filmen – trotz aller Demontageversuche.
Je stärker der Westen besiedelt wird, je kleiner das „freie Land“ wird, um so weniger attraktiv wurde die Figur des edlen Trappers und Waldläufers. Neue Helden mussten her und zu mythischen Figuren stilisiert werden: wer war dafür besser geeignet, als der Cowboy?

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Je stärker der Westen besiedelt- und je kleiner das „freie Land“ wurde, um so weniger attraktiv wurde die Figur des edlen Trappers und Waldläufers. Neue Helden mussten her und zu mythischen Ikonen stilisiert werden: wer war dafür besser geeignet, als der Cowboy, der auf der einen Seite noch ein Stück Freiheit verkörperte, aber auf der anderen Seite schon zur Akzeptanz der etablierten Besitzverhältnisse
gezwungen war.

Er war ein sesshaft gewordener Trapper, Jäger oder Abenteurer. In ihm manifestiert sich der Übergang vom freien Waldläuferleben zum niedergelassenen Städter. Der Cowboy zieht zwar noch durch die Weite der Prärie und verkauft seine Arbeitskraft an das sich herausbildende Kapital, aber für ihn gibt es keine Weiten ohne Grenzen mehr. Er verteidigt am Stacheldraht den Besitz seines Arbeitgebers und zieht weiter, wenn es ihm an einem Ort nicht mehr gefällt oder gefeuert wird.. Aber er zieht nicht in die Freiheit der Wälder und Prärien, sondern zum nächsten Rancher. Und – wie man es aus den Filmen und Romanen kennt – er wird sich am Ende seiner Wanderjahre irgendwo niederlassen, um sich vollständig in ein soziales Wesen zu verwandeln, dass in einem sozialen Verbund einbezogen ist.
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In Nebenrollen taucht diese Figur in den sogenannten Ranch-Stories bereits seit der Besiedlung von Texas – die sowieso das Ende des grenzenlosen Horizonts symbolisiert – auf. Die erste Story, in der der Cowboy eine Hauptrolle spielte, war „Over Sunday at New Sharon“; sie erschien 1880 in „Scribners’Monthly“ und beschreibt einen Sonntag im legendären Dodge City. Im Titel erschien der Cowboy erstmals 1887 in der Geschichte „Buck Taylor, King of the Cowboys“. Bis zur Jahrhundertwende bleibt der Cowboy ein Held unter vielen, längst nicht so populär wie Büffeljäger oder Trapper. Aber Angesichts neuer Realitäten wurden die Nachfahren von Natty Bumppo und Kit Carson immer unansehnlicher.

 

Wirklich zur dominanten Figur des Genres wurde er durch Owen Wisters Roman „The Virginian“, erschienen 1902.

Sicherlich einer der wichtigsten Klassiker des Genres. Bereits im ersten Jahr erlebte das Buch 15 Nachdrucke; bis weit ins 20. Jahrhundert wurde das Buch immer wieder aufgelegt und gehört heute zum Kanon der nordamerikanischen Literatur. Es wurde mehrfach verfilmt und inspirierte die langlebige Fernsehserie „Die Leute von der Shiloh-Ranch“, die treffender im Original „The Virginian“ hieß.

Wister versöhnt den Westmann mit dem Städter, indem er seinen Helden aquch noch zu einem erfolgreichen Geschäftsmann machte.
In den 10 Jahren vor Erscheinen des Romans erlebten die USA die schlimmste Depression bis zu den 1930ern. Homestead oder der Pullman-Streik von 1894 ließen kein Verdecken des Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital mehr zu. Und erstmals spürten auch Farmer und Rancher die urbane Dominanz durch Banker und Konzerne. Der Western wurde mehr und mehr zu einem durch und durch reaktionären Genre, das die Überlegenheit des Individuums über soziale Regeln verkündete.

Natürlich zogen die Dime Novels angesichts des gigantischen Erfolges sofort mit Cowboy-Serien nach. Aber ihre große Zeit ging zu Ende. Die Pulp-Magazine wurden vom Beginn des Jahrhunderts bis Anfang der 5oer Jahre in den USA zur wichtigsten Form zur Verbreitung populärliterarischer Stoffe und von Trivialmythen.

Der Medienkritiker Georg Seeßlen schrieb darüber:

Der Vorteil der Pulp-Magazine gegenüber den Dime Novels – 1919 wurde die letzte Dime-Novel-Serie >The New Buffalo Bill Weekly< in ein Pulp-Magazin umgewandelt – war neben einer größeren Variationsbreite die Experimentierfreudigkeit, die das Medium technisch förderte. Die neue technische und vertriebliche Form ging einher nicht nur mit einer veränderten literarischen Technik – Renaissance der Kurzgeschichte – , sondern auch mit einer veränderten Stimmung. Der romantische Lakonismus der Pulp-Literatur war das Gegenteil der naiv optimistischen Dime Novels.“

Das erste Pulp-Magazin, das sich ausschließlich der Westernliteratur widmete, war das „Western Story Magazine“ der Firma Street & Smith.

Wichtigster Westernautor dieser Zeit war Frederick Faust, der von 1892 bis 1944 lebte und unter dem Pseudonym Max Brand und neunzehn weiteren zum König der Pulps wurde. Bis 1970 wurden über 2oo Bücher von ihm veröffentlicht, die alle auf Pulp-Geschichten oder Serien basierten. Allein für „Western Story Magazine“ schrieb er 13 Millionen Wörter in 13 Jahren. Den Pulp-Autoren wurde pro Wort zwischen ein und drei Cents bezahlt. Darunter der mehrfach verfilmte Klassiker „Destry Rides Again“, der in Buchform über eine Million Exemplare verkaufte und dessen Filmversion mit James Stewart und Marlene Dietrich die Bekannteste ist. Faust war ein Pulp-Genie, der alle Genres bediente (u.a. schuf er die Figur DR.KILDARE)._cOLLIER_Zane_Grey_in_Australia[1]

Nicht weniger erfolgreich war Zane Grey, der den Individualismus seiner Helden noch weiter trieb. Für Owen Wister war der Sozialdarwinismus noch eine soziale Doktrin, für Grey universelles Gesetz.

Unzählige Western-Magazine mit unzähligen Geschichten unzähliger Autoren erschienen bis in die 40er Jahre und zementierten die Klischeevorstellungen über eine noch nicht allzu lang vergangene Zeit. Diese Geschichten und Romane wurden wiederum Vorlagen für unzählige Film-Serials, billige B-Pictures und Großproduktionen. Bis Ende der 30er Jahre galt der Western als triviales Genre-Kino, nur geeignet für billige Vorfilme und Nachmittagsvorstellungen. Und genauso sahen diese Filme auch aus, in denen William S. Hart und Tom Mix Schießereien und Pferdejagden hinlegten, die jeden halbwegs Erwachsenen tödlich langweilten. Erst nachdem John Ford 1939 mit „Stagecoach“ erfolgreich gezeigt hatte, dass man Western auch für ein erwachsenes Kinopublikum produzieren konnte, änderte sich die Haltung dem Genre gegenüber. Vorlagen waren genügend in den Pulps zu finden. Auf ihrem billigen, holzhaltigen Papier versteckten sich großartige Geschichten zwischen einem Wust von Schwachsinn. Zu den besseren Autoren zählen die inzwischen zu Klassikern gewordenen Zane Grey, Ernest Haycox, auf dessen Story „Stage to Lordsbourg“ der Film „Stagecoach“ basierte, Luke Short und der bei uns zu Unrecht so schmählich angesehene Louis L’Amour.

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Wie jede literarische Form ist auch der Western Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung und eine verklausulierte Ausdrucksform von Wünschen, Hoffnungen und Interessen in einer bestimmten historischen Situation. Im Wilden Westen, wie er meist in Heften, Büchern, TV-Serien, Filmen und Comics dargestellt wird, hat jeder Mensch – besser Mann – die Chance, Land zu erobern und sich Grundbesitz anzueignen. Der Erwerb und die Verteidigung von Eigentum und Eigeninteressen ist ein zentrales Thema des Westerns. Kein Wunder, dass die Rebellen der 6oer Jahre mit ihrer extremen Ablehnung von materiellen Werten die Western-Ikone John Wayne zum absoluten Feindbild erhoben hatten. Diese Behauptung vom Glück des Tüchtigen musste auf nicht begüterte Leser der westlichen Industriegesellschaften phantastischer als Science Fiction wirken.

Reaktionär verklärte der Western eine blutige, ungerechte Epoche zu einem anzustrebenden, reaktionären Idealbild. Wie oft hat man in Filmen gesehen oder in Büchern gelesen, wie der einsame Cowboy, der nichts weiter besaß als Colt und Pferd, am Ende der Geschichte mit einem anständigen Mädchen verheiratet ist und bei untergehender Sonne auf das durch eigene Leistung erworbene Land schaut, auf dem er nun seine Ranch bauen wird und durch Rinderzucht zum Großkapitalisten aufsteigen wird. Der Wilde Westen, wie er vom Großteil der Massenmedien bis in die 60er Jahre verklärt wird, ist ein Traum der bürgerlichen Gesellschaft. Er basiert auf der Wunschvorstellung von unermesslicher Ausdehnung, unbegrenzten Absatzmärkten und nie versiegenden Energiequellen.

Oder wie schon in der Bibel steht: Alles ist endlich, nur das Wirtschaftswachstum nicht.

Dass diese Landnahme nur durch Verbrechen an der Urbevölkerung möglich war, entschuldigt der klassische Western – wie es der Ideologie des Imperialismus entspricht -durch die Verteufelung des Gegners, den er als bestialischen und grausamen Untermenschen hinstellt.

http://www.westernforschungszentrum.de/

FORTSETZUNG FOLGT

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